Empfehlungen zur Schreibweise des Zürichdeutschen

herausgegeben vom Verein Schweizerdeutsch, Gruppe Zürich

Die Schreibweise ist eine Sache der Übereinkunft. Die folgenden Empfehlungen postulieren eine Schreibweise, die nahe an der Lautung ist, sich aber so weitgehend als möglich am gewohnten, dem Leser vertrauten Schriftbild orientiert. Sie richten sich nach dem Leitfaden «Schwyzertütschi Dialäktschrift»1. Gegenüber der sprachlichen Realität bedeutet diese Schreibweise wie jede Schreibregelung eine Simplifizierung, die den feinen Abstufungen nicht ganz gerecht werden kann.

1 Eugen Dieth: Schwyzertütschi Dialäktschrift. 2. Auflage, bearbeitet und herausgegeben von Christian Schmid-Cadalbert. Aarau (Sauerländer) 1986.

Grundsätze

  • Kurze Vokale werden einfach, lange Vokale doppelt geschrieben. Andere Kennzeichnungen von Längen, z.B. Dehnungs-h oder -e, entfallen.
  • Bei den Konsonanten wird Fortisierung durch Doppeltschreibung bezeichnet, wo dies möglich und sinnvoll ist: Leicht fällt es bei den Reibelauten f und s, eine Verdoppelung von ch und sch würde aber die Lesbarkeit erschweren. Die Verschlussreibelaute (Affrikaten) k, pf, z (ts) und tsch werden der Standardsprache entsprechend dargestellt. Die Verdoppelung (Gemination) der Stimmlaute l, m, n wird als regionales Merkmal im einzelnen Fall geschrieben.
  • Mit einer Verdoppelung des g im Anlaut wird die verkürzte Vorsilbe ge- vor g bezeichnet, z.B. ggèè ‹gegeben›, ggange ‹gegangen›. Eine Fortisierung kann durch Unterstreichung markiert werden (gläit, Gluscht). Die Fortisierung von b und d wird durch die Schreibung als p und t wiedergegeben.
  • Bei der lautlichen Verschmelzung im Anlaut ist aus Verständnisgründen die morphologische Schreibweise zu bevorzugen, nicht die assimilierte Form: Chindbetteri (Chimpetteri).
  • sp und st im Wort- und Stammsilbenanlaut werden wie im Hochdeutschen als schp und scht gelesen; im Wortinnern wird sch geschrieben: Stäi – Näscht, Sport – chäschperle.
  • Die seltenen Abweichungen vom Akzent auf der ersten Silbe bzw. auf der Stammsilbe des zweiten Kompositionsglieds, Abweichungen also von der üblichen deutschen Erstsilbenbetonung, können durch Unterstreichung markiert werden: eschtimiere. Bei Verben mit Präfix liegt die Betonung grundsätzlich auf der Stammsilbe: überhole, übernèè, bei nominalen und adverbialen Formen auf dem Wortanfang: Übergwand, übermoorn; sie muss nicht besonders bezeichnet werden.

Vokale
Der Lautstand der Mundart ist reicher und mannigfaltiger als derjenige der Hochsprache. Besonders trifft das für die Vokale zu. Während im Hochdeutschen die Verteilung von Längen und Kürzen recht streng geregelt ist, indem in offener Silbe (ra-ten, Ha-ken) und vor einfachem Konsonant derselben Silbe (Rad) der Vokal lang, kurz dagegen in geschlossener Silbe (Rat-ten, Map-pe) ist, hat die Mundart zum grossen Teil die alte Unregelmässigkeit der Verteilung bewahrt; die Vokalquantität muss deshalb im einzelnen Falle bezeichnet werden durch Doppeltschreibung für Langvokal.
Die spezifische Vokalqualität der Mundart wäre am klarsten in phonetischer Schrift abzubilden, was aber die Lesbarkeit zu sehr beeinträchtigen würde. Empfohlen wird eine vereinfachende Schreibung, die das Lautsystem möglichst gut zur Geltung bringt, sich aber an der gewohnten Schrift und Rechtschreibung orientiert.

a, aa ist ziemlich dunkel gefärbt; in starkem Gegensatz dazu ist es im Zürcher Weinland und den nordostschweizerischen Mundarten deutlich heller und entspricht dem Hochdeutschen. Beispiele: Hand, Vatter; Aabig, Haar.
ä, ää ist ein überoffenes e, das dem hellen a der ostschweizerischen Mundarten und des Französischen sehr nahe kommt. Ausnahme Zürcher Weinland: hier entspricht es dem è, ist also identisch mit dem hochdeutschen ä. Beispiele: schlächt ‹schlecht›, nächt ‹gestern Nacht›, dräckig ‹schmutzig›; Bäär ‹Bär›, Määl ‹Mehl›, Rääb ‹Rebe›.
e, ee ist der geschlossene e-Laut, z.B. Bett, Reder ‹Räder›; See, leere ‹lehren, lernen›. Zugleich wird damit der unbetonte, reduzierte e-Laut bezeichnet, wir verwenden dafür kein spezielles Zeichen, z.B. bääbele, rede ‹reden›, redere ‹rädern›, täfele ‹ausplaudern›, mèèe ‹mähen›.
è, èè ist ein offener e-Laut, dem Hochdeutschen entsprechend: fèrtig, mèrke; Mèèrt ‹Markt›, lèère ‹leeren›, Rèèb ‹weisse Rübe›.
é Das é zur Verdeutlichung des geschlossenen e-Lautes wird nur bei jüngeren Lehnwörtern, etwa Buggé ‹Bouquet›, gebraucht.
i, ii Während im Hochdeutschen klar zwischen geschlossenem und offenem i unterschieden wird (Liebe/ Lippe), sind mindestens bei der älteren Mundart drei verschiedene i-Laute zu unterscheiden, wobei die Tendenz zum neutralen i geht, das in kurzer Silbe relativ offen gesprochen wird (im Zürcher Weinland deutlich geschlossener), etwa in Bire, Rinde, Riss, Rundi ‹Runde›, Ründi ‹Rundung›. Beim Langvokal sind noch deutliche Unterschiede zu hören2, wobei Unsicherheiten festzustellen sind, sofern man sich nicht sprachgeschichtlich abstützen kann. (Es wird empfohlen, den geschlossenen i-Laut nicht besonders zu kennzeichnen. (In der altschweizerischen Schriftsprache Schwyz, Wyss, Pfyffer für geschlossene Länge, die der mhd. Länge î entspricht und
in einem grossen Teil der hochdeutschen Mundarten diphthongiert wird zu Schweiz, Weiss, Pfeifer.))
ì, ìì Der offene i-Laut, etwa in Bììr ‹Birne›, Rììs ‹der Riese, das Ries›, Wììs ‹Wiese›, Wììrt ‹Wirt› ist eher am Verschwinden.
o, oo Geschlossen: Ofe ‹Ofen›, offe ‹offen›; root ‹rot›, Roos ‹Rose›.
ò, òò Der offene Vokal – vor allem im Zürcher Weinland und teilweise im Knonauer Amt – ist deutlich vom geschlossenen o zu unterscheiden: Òòbig, Hòòr, Hòrn.
ö, öö Geschlossen in: Öfe Pl. von ‹Ofen›, Öpfel ‹Apfel›; hööch ‹hoch›, Rööti ‹Röte›, Nöötli ‹kleiner Geldschein›.
ó, óó Offen in: Chóchi ‹Köchin›, hóre ‹aufhören›; nóóch ‹nahe›, Róót ‹Räte›, róótle ‹zu erraten suchen›, Nóótli ‹kleine Naht›. 4
u, uu Der Normallaut und der geschlossene u-Laut werden nicht unterschieden, da die Unterschiede kaum zu hören sind. Beispiel: Gugguu, Puur, Stuud ‹Staude›.
ù, ùù Hingegen hebt sich das offene ù deutlich ab: Pùùrscht ‹Bursche›, Stùùd ‹Pfahl, Pfosten›.
ü, üü Das geschlossene ü, etwa in tüür ‹teuer›, hebt sich deutlich ab vom
ú, úú offenen Umlaut: túúr ‹dürr›, Túúr ‹Türe›. 4
äi Diphthong ei: überoffenes e+i, im Zürcher Weinland als èi gesprochen. Beispiele: zwäi, Säil, bäid, Äi ‹Ei›. (Im Rafzerfeld kann ai geschrieben werden: gaine.)
au Diphthong au, im Zürcher Weinland òu. Beispiele: Aug, Frau, Baum, Saum, glaube.
ei wird gesprochen als e-i z.B. in frei, freier (im Zürcher Weinland gesprochen als èi), Freihäit.
ou wird gesprochen als o-u: Bou ‹Bau›, boue ‹bauen›.
öi wird gesprochen als ö-i, z.B. in nöi ‹neu›, nöie ‹neu werden›, hebt sich aber nicht sehr deutlich ab von
ói gesprochen als ó-i in Hói ‹Heu› neben Höi, Bóim ‹Bäume›. 4
ie,ue,üe sind in unserer Mundart häufig vorkommende Diphthonge: nie, Chue, Chüe.
2 Etwa in: De Wììrt schänkt Wíí íí.
3 In der altschweizerischen Schriftsprache Schwyz, Wyss, Pfyffer für geschlossene Länge, die der mhd. Länge î entspricht und in einem grossen Teil der hochdeutschen Mundarten diphthongiert wird zu Schweiz, Weiss, Pfeifer.
4 Die Schreibweise kann im Internet nicht genau abgebildet werden. Bitte nutzen Sie für die genaue Schreibweise den Download am Ende dieser Seite.


Konsonanten
Die Qualität der Konsonanten entspricht weitgehend der Standardsprache mit folgenden Besonderheiten:

b, d, g sind im Gegensatz zum Hochdeutschen stimmlos.
p, t, k sind im Gegensatz zum Hochdeutschen unbehaucht. Es ist also auseinanderzuhalten: bache ‹backen›: pache ‹gebacken›; diene: tienet; Raad ‹Rad›: Raat ‹Rat›, gälte: ggulte, Haag: Haagge. Behauchung von p und t kommt vor in jungen, aus der Schriftsprache entlehnten Fremdwörtern und wird bezeichnet: Phack ‹Paket›, Phèrsoon, Phaul, Thee, Thakt, Theaater.
ch wird in allen Fällen hinten im Gaumen, kratzend rau gesprochen: bache, Blääch, fräch, ruuch, rüüche, rundlächt.
ck, k gesprochen als Affrikate kch: Lucke, mèrke, verruckt.
Aus morphologischen Gründen, um die Vorsilbe zu verdeutlichen, wird aber geschrieben gchauft ‹gekauft›, gchlopfet ‹geklopft›.
s, sch sind immer stimmlos.
v bezeichnet stets den gleichen Laut wie f, dem vertrauten Schriftbild entsprechend aber auch möglich Velo (Welo).
ng ist wie im Hochdeutschen ein Laut, g also stumm: Chüngel, aber Hungg ‹Honig, Konfitüre›.


Assimilation
Häufig ist die Angleichung von End- und Anfangskonsonanten zweier aufeinanderfolgender, dem Sinn nach zusammengehörender Wörter: häp me: mer hät; gömer, müemer, wämer, simer, hämer, gimer; ischi: isch si, dasch: das isch. Wipfrau: Witfrau. Chimpetteri: Chindbetteri. – Wir empfehlen, damit sparsam umzugehen.
Grundsätzlich werden abgekürzte Pronomina und Artikel zur sprachlichen Verdeutlichung abgesetzt, z.B. d Chelti, d Chraft, d Fantasii, er hät s und vermag s. In fortlaufenden Texten können sie direkt angeschlossen werden: er häts und vermags, Pflinte is Chorn rüere.
Bindestrich und Apostroph sind zu vermeiden: ich han en gsee.

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